Zugegeben – etwas erschrocken bin ich schon als ich hörte, dass der Zustieg zur Serles Kaskade etwa 2 Stunden mit Skitouren-Ausrüstung benötigen würde, aber Benni’s Argumente sorgten dann doch für einen Motivationsschub: Chance auf eine der ersten Wiederholungen der Serles Kaskade, aber vor Allem die Möglichkeit von gleich drei vermutlichen* Erstbegehungen!
Benedikt Purner hatte bei seinen vielen Fahrten ins Stubaital während der Arbeit am neu entwickelten Eisgerät „Phrugo“ von AustriAlpin immer ein Fernglas dabei und beobachtete so die 4 spektakulären Eislinien an der Nordseite des Sonnensteins, einem Vorgipfel der Serles. Wollte er nicht in absehbarer Zukunft von der Polizei in Mieders als Spanner verhaftet werden, so musste er diese Projekte bald in Angriff nehmen. Also packten wir unsere Rucksäcke und machten uns auf den Weg Richtung Eisfälle, was sich im dichten Wald und auf steilen Latschen-Hängen sehr anstrengend gestaltete!
Spätestens als ich die Linien aus der Nähe sah wurde mir klar, dass die Schwierigkeiten mein Vorstiegskönnen überschreiten würden, aber wofür gibt es denn Rope-Guns wie Benni!? Die rechte, untere Linie erwies sich als dünne Eisglasur, welche leider über weite Bereiche von der Felswand abgeplatzt war und uns deshalb als viel zu riskant erschien. Deshalb stieg Benni zuerst in den weiter links stehenden Eisfall ein, bei dem es sich wahrscheinlich* um die im Führer „Eisklettern in Tirol“ als Serles Kaskade bezeichnete Linie handelt. Benni kletterte die 60 Meter Eis non-stop, wobei die ersten 30m durchwegs senkrechtes, mäßig absicherbares Röhreneis im Schwierigkeitsgrad WI6 boten. Die zweite Hälfte ist ein mächtiges Eisschild und liegt im Bereich WI5 bis 5+.
Anschließend querten wir über ein breites Schneeband nach rechts in Richtung der beiden anderen Linien. Erfreut stellten wir fest, dass der Fels-Einstieg zur freihängenden Säule durchaus machbar erschien. Benni bestückte seinen Gurt mit Friends, Keilen, Schrauben und was man sonst noch so für eine Mixed-Erstbegehung* braucht und ging ans Werk. Trotz wechselnder Felsqualität und zweifelhafter Absicherung (M6) erreichte er schnell den Zapfen, der mit Samthandschuhen behandelt werden wollte. Nach ein paar extrem anstrengenden Zügen (WI 6+) gelangte er zu einem kleinen Rastplatz, ehe die zweite Säule (WI 6) auf seine Eisbeile wartete. Nach ca 4 Meter Gehgelände folgt zum Abschluss noch eine 10m hohe, senkrechte Steilstufe (WI 5+), ehe man sich am Standplatz das Laktat aus den Armen schütteln kann. Insgesamt ist diese Länge knapp 40 Meter lang.
Nachdem wir uns über diese Linie zurück auf das Schneeband abgeseilt hatten war Benni natürlich noch heiß auf den 4. Eisfall, der etwas weiter rechts liegt. Leider war die Eisglasur in einem ähnlich schlechten Zustand wie die Untere und auch die Absicherungsmöglichkeiten schienen, wenn überhaupt vorhanden, äußerst fragwürdig. Trotzdem stieg Benni über eine geneigte Glasur 8m bis zur ersten Steilstufe auf, ehe er mit ein paar Kilo ausgebrochenem Gestein den Schnellabstieg zurück aufs Band antrat. Nichts passiert – Glück gehabt!
Wir hatten auf jeden Fall genug Nervenkitzel und seilten uns über den ersten Wasserfall zu unserem Materialdepot ab. Bei einem Bier im Gasthof Sonnenstein waren wir uns beide einig, dass sich der lange Zustieg für die beiden außergewöhnlich schönen und anspruchsvollen Linien gelohnt hat!
* Zum jetzigen Zeitpunkt liegt uns keine Information zu den 3 weiteren Eislinien im Bereich der Serles Kaskade vor. Letztere wurde lt. „Eisklettern in Tirol“ von S. Gwiggner und W. Nagele 1999 erstbestiegen.