Archiv für die Kategorie „Alpinklettern“

Schon seit Jahren ärgerte es mich, dass ich diese imposante Felswand, welche ich bei jedem Blick aus dem Wohnzimmerfenster sehe, noch nie durchstiegen bin. So ähnlich oder noch schlimmer ging es dem Benni, vor allem seitdem er in Kranebitten wohnt und der Hechenberg quasi vor seiner Haustür steht. So konnte es also nicht mehr weitergehen…

Durch Benni’s Ortskenntnisse als „Anrainer“ fanden wir in etwas über einer Stunde ohne Probleme zum Einstieg der Route. Dennoch sollte man den Zustieg nicht unterschätzen – die fast senkrechten Wiesen erlauben keinen Ausrutscher!

Die ersten Seillängen bieten dann Bruchkletterei vom Feinsten, garniert mit viel Vegetation und losem Schutt. Die Absicherung ist aber meist recht gut – auch der eine oder andere Friend / Klemmkeil verbessert die Moral. Ab der vierten Länge wird’s dann wirklich steil. Obwohl der Begriff „Pfeiler“ im Routennahmen steckt folgt die Linie meist Verschneidungen in denen Gelenkigkeit beim Ausspreizen gefragt ist. In den schweren Längen ist die Felsqualität deutlich besser als weiter unten, aber Vorsicht ist trotzdem immer geboten.
Wir konnten die Route in Wechselführung rotpunkt klettern und standen nach ca. 5 Stunden im hüfttiefen Schnee zwischen den Latschen.

Die Route bietet sicherlich keine „Genusskletterei“, aber ihr ernster, alpiner Charakter, die Ausgesetztheit und die elegante Linie machen sie zurecht zu einem Karwendel-Klassiker! Hauptsache ist aber, dass wir beide seit gestern mit gutem Gewissen unter der Wand, in Richtung Klettergebiete mit festerem Fels, vorbeifahren können…

Die Engländer sind schon ein seltsames Volk! Zu dieser Erkenntnis kommt man spätestens, wenn man in seinen ersten Pork Pie beißt, während man auf der falschen Straßenseite über eine viel zu schmale Landstraße fährt, die noch dazu beidseitig von endlosen Steinmauern begrenzt wird… Und hinter den Steinmauern? Schafe. Heerscharen von Schafen und ab und zu ein kleines Häuschen, ein „Cottage“ in der dann vermutlich ein Schafzüchter sitzt.

Genau so ein Cottage, nämlich das „Well Cottage“ im kleinen Örtchen Youlgrave sollte Lukas, Tom, dem ehemaligen Local Mark und mir für eine Woche als Basislager für unseren Klettertrip in England dienen. Mark, der wie gesagt ein paar Jahre in Youlgrave lebte, organisierte uns diese stilvolle Unterkunft und war auch sonst so freundlich eine Art Fremdenführer für uns zu sein. Vor allem aber war er unser Chauffeur, denn wäre ich gefahren hätte es garantiert schon am ersten Kreisverkehr gekracht!

Was bewegt 4 Tiroler Kletterer die heimischen Berge für maximal 30 Meter hohe Sandsteinklippen einzutauschen? Es ist der Kletterstil, der uns in den Nationalpark des Peak Districts lockte: Bezeichnen manche den heutigen Kletterstil in Tirol als „Climbers Paradise“, so müssten sie den Stil im Peak District als „Climbers Hell“ empfinden… Es gibt absolut keine fix montierte Absicherung im gesamten Gebiet! Alles clean! Die Strukturen der schier endlosen Sandsteinklippen schlucken dafür so ziemlich alles an mobilen Sicherungsgeräten die man ihnen vorhält. Meistens zumindest – denn hier kommt die nächste Eigenart der Engländer zur Geltung: Ihre Schwierigkeitsbewertung! Um Auskunft darüber zu geben wie gut eine Route absicherbar ist führten die Altvorderen eine Bewertung ein, an deren Basis die Schwierigkeit „Moderate“ (Mod) steht. Für Schwierigkeiten im Bereich UIAA II-III verwendeten sie schon den Begriff „Difficult“ (Diff), was in der weiteren Entwicklung des Klettersportes natürlich für Probleme sorgen sollte. Die nächste Stufe war ja noch logisch: „Very Difficult“ (VDiff), aber dann ging’s los kompliziert zu werden: „Hard Very Difficult“ (HVD), „Severe“ (Sev), „Hard Severe“ (HS), „Very Severe“ (VS) und schließlich „Hard Very Severe“ (HVS). Mit HVS befinden wir uns im UIAA Grad V+ bis VI+, also brauchte man bald ein noch größeres Superlativ – und das war schnell gefunden: „Extreme“ (E). Und weil’s halt kein furchteinflößenderes Wort als „Extreme“ gibt begnügt man sich nun damit eine Zahl von 1 bis derzeit 10 anzuhängen, also E1 bis E10.
Den englischen Kletterern war es aber noch nicht kompliziert genug, jetzt musste auch noch ein technischer Schwierigkeitsgrad her. Hierfür nutzen sie das gleiche System wie die Franzosen, aber weil sie die ja nicht besonders mögen gibt es einen kleinen Unterschied: 5a englisch bedeutet 6a französisch, die Skala hinkt der uns vertrauten also immer ungefähr einen Grad hinterher! Buh…Glück gehabt wenn man in einer 5c abblitzt: In Wirklichkeit ist sie ja 6c!

Gleich nach unserer Ankunft in Manchester fuhren wir zum größten aller Klettergebiete: Stanage. Diese Klippe zieht sich für etwa 3km durchs Land und weil es Samstag war und die Sonne schien gab es eine ebenso lange Schlange von Kletterern!
Wir begnügten uns anfangs mit ein paar Boulderproblemen, aber später am Tag tastete ich mich dann doch bis zur Schwierigkeit HVS vor. Erster Eindruck: Geniale Kletterei… super griffiger Fels und vor allem: Cool dass man alles selber absichern kann und muss!!!

Der zweite Tag brachte dann jenes Wetter, das wohl jeder mit England assoziiert: Regen. Da wir (und auch die Meteorologen) nicht genau wussten was die restliche Woche noch bringen würde, beschlossen wir uns in einer riesigen Boulderhalle in Sheffield die Finger wund zu klettern… Gesagt getan. Es sollte dann aber der einzige wirklich schlechte Tag der ganzen Woche sein und der ein oder andere von uns hätte sich in der Boulderhalle wohl ein bisschen zurückhalten sollen.

Von Montag bis Sonntag war es dann im Großen und Ganzen wunderschön und wir konnten viele der großen Gritstone-Klassiker abhaken. Obwohl die Höhe der meisten Routen recht bescheiden ist, so ist die Kletterei doch sehr geschichtsträchtig: Kletterlegenden wie Joe Brown (Erstbesteiger des Kangchendzönga) verewigten sich mit, für die damalige Zeit, unvorstellbar schwierigen Routen.
Im Laufe der Zeit wächst das Vertrauen in das eigene Absicherungsvermögen und auch der Schwierigkeitsgrad „Extreme“ verliert etwas von seinem Schrecken. Am letzten Tag konnte ich mich schließlich bis zum Schwierigkeitsgrad E3 5c herantasten und kann so, wie meine Begleiter auch, auf eine erfolgreiche und lohnende Woche auf der Insel zurückblicken!

Danke nochmal an meine 3 Freunde Lukas, Mark und Tom, dass sie mich bei ihrer schon länger geplanten Tour mitkommen ließen, danke auch für die vielen tollen Fotos, welche hier zum Teil zu sehen sind und danke vor allem an Mark unseren „Fremdenführer“ und „Papa Duck“!

Nach der schönen Tour am vergangenen Wochenende an der Tofana hat mich wiedermal ein bisschen das Dolomiten-Fieber gepackt… Eigentlich hatten mein Vater Arno und ich ja schon für den Dienstag eine Tour an der Marmolada-Südwand geplant, doch das Wetter machte uns einen Strich durch die Rechnung. Wir machten trotzdem das Beste aus dem etwas verregneten Tag und gingen am ersten Sellaturm die Schober-Führe.

Nachdem wir uns in Canazei ein Backhendl in die Figur gehaut haben stiegen wir von der Malga Ciapela hinauf zum Rifugio Falier. Für den nächsten Tag stand eigentlich die Route „Gogna“ am Programm. Da aber große Bereiche der Wand komplett nass waren und wir uns wegen des Neuschnees, der im Gipfelbereich lag auch nicht sicher waren ob der Fels morgen auftrocknen würde, entschlossen wir uns doch die kürzere und auch leichtere Don Quixote zu gehen. Diese Route aus dem Jahr 1979 von Schiestl und Mariacher ist durch ihre Platten im oberen Wandteil bekannt dafür schnell trocken zu sein. Der Nachteil an der Don Quixote ist, dass sie die meistbegangenste Route an der Marmolada ist und auch wir uns mit 3 weiteren Seilschaften um die Pole-Position streiten werden müssen.

Von der Falier-Hütte braucht man noch ungefähr eine Stunde bis zum Einstieg und nach dem zeitigen Frühstück um 04:30 standen wir schließlich um 6 am Beginn der leichten Einstiegslängen. Der Druck des Magen-Darm-Trakts eines Italieners war zu unserem Glück größer als sein Druck Erster in der Route zu sein und so konnten mein Dad und ich die Führung übernehmen. Das erste Viertel der Route ist nie schwerer als 4 und so kletterten wir viel „am laufenden Seil“ um Zeit zu sparen. Bald konnten wir einen relativ großen Vorsprung auf die restlichen Seilschaften herausarbeiten, welcher bis zum Gipfel halten sollte.

Eine der schwierigsten Längen stellt die steile Kamin-Verschneidung kurz unterhalb des großen Bandes dar und die Kälte machte die Sache auch nicht leichter. Außerdem sind meine Kaminkletter-Qualitäten unter Insidern ja bekannt… Nichtsdestotrotz erreichten wir um ca 10:30 das große Band und mit ihm auch die ersten Sonnenstrahlen des Tages. Von hier sieht der Gipfel schon zum Greifen nahe aus, doch es trennen einen immer noch etwa 12 Seillängen. Immer wieder konnten wir im leichteren Gelände synchron klettern, was einen schnell weiter kommen lässt. Die Schlüssellänge ist laut Topo im 6. Grad angesiedelt, aber die vielen Normalhaken verführten uns dazu gar nicht lange zu probieren, sondern gleich A0 loszulegen… Außerdem könnte ein Schiestl/Mariacher 6er so manchen neuzeitlichen Kletterer überraschen! Nach 7,5 Stunden Kletterzeit standen wir schließlich am Gipfel. Von hier gelangt man in 2-3 Abseilern hinunter auf den mickrigen Marmolada Gletscher und dann auf der Piste weiter zur Mittelstation der Seilbahn. Nach diesem, an Bequemlichkeit wohl kaum zu übertreffenden, Abstieg waren wir schon um 15:00 zurück beim Auto.

Alles in allem ist die Don Quixote eine schöne Klettertour, welche der einfachsten Linie folgt. Die Schwierigkeiten sind dadurch aber inhomogen verteilt und gerade die 5+ und 6er Längen sind nicht zu unterschätzen!

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