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Der gemeinsame Kletterurlaub von Claudia und mir hatte einen etwas ungewöhnlichen Startpunkt: Venedig. Nach einem wunderschönen Tag voller Kunst, Kultur und dem Gefluche unseres Gondolieres brachen wir auf in die südlichen Dolomiten – in die Pala.
13. Juli – Cima della Madonna: Schleierkante (5+, 400m)
Alle Kletterführer scheinen sich einig zu sein: die Schleierkante ist die schönste, die beste, die wunderbarste und überhaupt genialste Route der gesamten Dolomiten und darüber hinaus! Diese Flut an Superlativen mussten wir natürlich auf ihre Richtigkeit überprüfen…
Über eine ziemlich üble Schotterstraße (unser Ford Focus Kombi musste ziemlich leiden) gelangt man zu einem kleinen Parkplatz an dem der Weg Richtung Rifugio Velo startet. Hier schlugen wir unser Lager auf um am nächsten Morgen früh zu starten, immerhin kann man für den Zustieg zwischen 2 und 3 Stunden einplanen.
Das Wetter am frühen Morgen sah recht gut aus, doch die Tatsache, dass wir völlig allein am Berg zu sein schienen ließ uns schon vermuten, dass der Wetterbericht nicht der allerbeste sein kann. Nach etwa 2,5 Stunden standen wir bei einem Steinmännchen am Einstieg der eigentlichen Route. Schon nach den ersten (leichten) Klettermetern war klar: zumindest was die Beschreibung der Felsqualität betrifft hatten die Kletterführer nicht übertrieben! Die Hände fallen von einen Henkel in den nächsten – so stellt man sich Genusskletterei vor. Die besten Seillängen sind zwischen den beiden Pfeilertürmchen. Hier klettert man direkt an der Kante bei konstanten Schwierigkeiten zwischen 4 und 5.
Allzu viel Zeit zum Genießen konnten wir uns aber nicht lassen, denn mittlerweile hatte der Himmel nur noch wenig Blau zu bieten und es begann gerade leicht zu regnen. Obwohl es ihre erste richtig alpine Route war scheute sich Claudia nicht davor, die eine oder andere Seillänge vorzusteigen und bald standen wir am Gipfel. Glücklicherweise beruhigte sich das Wetter nochmal und wir konnten den nicht ganz zu unterschätzenden Abstieg trocken hinter uns bringen.
Resumè: In dieser moderaten Schwierigkeit bin ich selten eine so schöne Route geklettert! Definitiv eine Tour, die jeder auf seiner alpinen To-Do-Liste haben sollte.
[TOPO]
15. Juli – Cinque Torri: Via Miriam (5, 190m)
Die Großwetterlage hatte sich mittlerweile deutlich verschlechtert und so war es von nun ab jeden Tag bewölkt und man musste jederzeit mit einem Regenschauer rechnen. Normalerweise hielt das Wetter aber einigermaßen bis zum Nachmittag, was immerhin etwas kürzere Routen zuließ.
[TOPO]
16. Juli – Cinque Torri: Fessura Dimai (6-)
Der Plan die Kante des 2. Tofana Pfeilers zu klettern wurde durch eine kleine Überschwemmung in unserem Zeltplatz mitten in der Nacht durchkreuzt und so beschlossen wir auch heute nochmal hinauf zu den 5 Torri zu fahren. Dort kann man immerhin solange klettern wie das Wetter nur irgendwie zulässt und dann kurzfristig ins Auto flüchten… Heute bestiegen wir den Torre Grande über eine etwas steilere Route: den Dimai Riss.
Die 5 Torri sind mittlerweile ein alpiner Klettergarten geworden und so findet man auch eine Unzahl gut abgesicherter, schwerer Sportkletterrouten. Zu guter Letzt führte mich Claudia noch in einer endlosen Seillänge hinauf auf den Torre Inglese, wo wir dann bei einer Flasche Wein diskutierten wie lange dieser überhängende Turm noch der Schwerkraft standhalten kann, ehe er sich zum 2004 umgekippten Torre Trephor gesellt…
17. Juli – Drei Zinnen: Preuß Riss (5, 250m)
Ein Dolomitenurlaub braucht natürlich einen landschaftlichen Höhepunkt und dieser findet sich natürlich beim fast schon kitschigen Nordwandblick auf die Drei Zinnen. So bezahlten auch wir die 22 Euro Tagesmaut hinauf zum Rifugio Lavaredo und wanderten fast schon ehrfürchtig hinüber auf den Paternsattel. Von hier zog es uns dann in Richtung Preußturm, welchen wir über die schier endlose Kaminreihe besteigen wollten. Obwohl es die letzten Tage viel geregnet hatte war die Kletterei fast durchwegs trocken. Besonders die vorletzte Seillänge bietet spektakuläre Kletterei in einem gewaltigem Kamin. Selbst als jemand der diese Art der Kletterei eher meidet muss ich sagen, dass die Route richtig schön ist!
[TOPO]
20. Juli – Pian della Paia: Parete Gandhi: Via il magnesio dalla Roccia (5, 250m)
Nach 5 Tagen immer wiederkehrenden Regen hatten wir erst mal genug und wärmten uns zwei Tage in den diversen Vergnügungsparks in Peschiera am südlichsten Gardasee auf. Danach fuhren wir nach Arco und erlebten neben dem Weltmeisterschafts-Rummel auch noch einen tollen Klettertag an der Parete Gandhi, etwas rechts der bekannteren “ Via Nikotina“.
Obwohl man ständig von den Motocross Fahrern beschallt wird und in der Route doch recht viel Grünzeugs anzutreffen ist, bietet die Route mit dem seltsamen Namen doch recht anspruchsvolle Kletterei mit ein paar richtig schönen Passagen.
[TOPO (italienisch)]
Die Engländer sind schon ein seltsames Volk! Zu dieser Erkenntnis kommt man spätestens, wenn man in seinen ersten Pork Pie beißt, während man auf der falschen Straßenseite über eine viel zu schmale Landstraße fährt, die noch dazu beidseitig von endlosen Steinmauern begrenzt wird… Und hinter den Steinmauern? Schafe. Heerscharen von Schafen und ab und zu ein kleines Häuschen, ein „Cottage“ in der dann vermutlich ein Schafzüchter sitzt.
Genau so ein Cottage, nämlich das „Well Cottage“ im kleinen Örtchen Youlgrave sollte Lukas, Tom, dem ehemaligen Local Mark und mir für eine Woche als Basislager für unseren Klettertrip in England dienen. Mark, der wie gesagt ein paar Jahre in Youlgrave lebte, organisierte uns diese stilvolle Unterkunft und war auch sonst so freundlich eine Art Fremdenführer für uns zu sein. Vor allem aber war er unser Chauffeur, denn wäre ich gefahren hätte es garantiert schon am ersten Kreisverkehr gekracht!
Was bewegt 4 Tiroler Kletterer die heimischen Berge für maximal 30 Meter hohe Sandsteinklippen einzutauschen? Es ist der Kletterstil, der uns in den Nationalpark des Peak Districts lockte: Bezeichnen manche den heutigen Kletterstil in Tirol als „Climbers Paradise“, so müssten sie den Stil im Peak District als „Climbers Hell“ empfinden… Es gibt absolut keine fix montierte Absicherung im gesamten Gebiet! Alles clean! Die Strukturen der schier endlosen Sandsteinklippen schlucken dafür so ziemlich alles an mobilen Sicherungsgeräten die man ihnen vorhält. Meistens zumindest – denn hier kommt die nächste Eigenart der Engländer zur Geltung: Ihre Schwierigkeitsbewertung! Um Auskunft darüber zu geben wie gut eine Route absicherbar ist führten die Altvorderen eine Bewertung ein, an deren Basis die Schwierigkeit „Moderate“ (Mod) steht. Für Schwierigkeiten im Bereich UIAA II-III verwendeten sie schon den Begriff „Difficult“ (Diff), was in der weiteren Entwicklung des Klettersportes natürlich für Probleme sorgen sollte. Die nächste Stufe war ja noch logisch: „Very Difficult“ (VDiff), aber dann ging’s los kompliziert zu werden: „Hard Very Difficult“ (HVD), „Severe“ (Sev), „Hard Severe“ (HS), „Very Severe“ (VS) und schließlich „Hard Very Severe“ (HVS). Mit HVS befinden wir uns im UIAA Grad V+ bis VI+, also brauchte man bald ein noch größeres Superlativ – und das war schnell gefunden: „Extreme“ (E). Und weil’s halt kein furchteinflößenderes Wort als „Extreme“ gibt begnügt man sich nun damit eine Zahl von 1 bis derzeit 10 anzuhängen, also E1 bis E10.
Den englischen Kletterern war es aber noch nicht kompliziert genug, jetzt musste auch noch ein technischer Schwierigkeitsgrad her. Hierfür nutzen sie das gleiche System wie die Franzosen, aber weil sie die ja nicht besonders mögen gibt es einen kleinen Unterschied: 5a englisch bedeutet 6a französisch, die Skala hinkt der uns vertrauten also immer ungefähr einen Grad hinterher! Buh…Glück gehabt wenn man in einer 5c abblitzt: In Wirklichkeit ist sie ja 6c!
Gleich nach unserer Ankunft in Manchester fuhren wir zum größten aller Klettergebiete: Stanage. Diese Klippe zieht sich für etwa 3km durchs Land und weil es Samstag war und die Sonne schien gab es eine ebenso lange Schlange von Kletterern!
Wir begnügten uns anfangs mit ein paar Boulderproblemen, aber später am Tag tastete ich mich dann doch bis zur Schwierigkeit HVS vor. Erster Eindruck: Geniale Kletterei… super griffiger Fels und vor allem: Cool dass man alles selber absichern kann und muss!!!
Der zweite Tag brachte dann jenes Wetter, das wohl jeder mit England assoziiert: Regen. Da wir (und auch die Meteorologen) nicht genau wussten was die restliche Woche noch bringen würde, beschlossen wir uns in einer riesigen Boulderhalle in Sheffield die Finger wund zu klettern… Gesagt getan. Es sollte dann aber der einzige wirklich schlechte Tag der ganzen Woche sein und der ein oder andere von uns hätte sich in der Boulderhalle wohl ein bisschen zurückhalten sollen.
Von Montag bis Sonntag war es dann im Großen und Ganzen wunderschön und wir konnten viele der großen Gritstone-Klassiker abhaken. Obwohl die Höhe der meisten Routen recht bescheiden ist, so ist die Kletterei doch sehr geschichtsträchtig: Kletterlegenden wie Joe Brown (Erstbesteiger des Kangchendzönga) verewigten sich mit, für die damalige Zeit, unvorstellbar schwierigen Routen.
Im Laufe der Zeit wächst das Vertrauen in das eigene Absicherungsvermögen und auch der Schwierigkeitsgrad „Extreme“ verliert etwas von seinem Schrecken. Am letzten Tag konnte ich mich schließlich bis zum Schwierigkeitsgrad E3 5c herantasten und kann so, wie meine Begleiter auch, auf eine erfolgreiche und lohnende Woche auf der Insel zurückblicken!
Danke nochmal an meine 3 Freunde Lukas, Mark und Tom, dass sie mich bei ihrer schon länger geplanten Tour mitkommen ließen, danke auch für die vielen tollen Fotos, welche hier zum Teil zu sehen sind und danke vor allem an Mark unseren „Fremdenführer“ und „Papa Duck“!