Archiv für die Kategorie „Alpinklettern“
Lukas vulgo „Lucky“ Priemer und ich fuhren Samstagnachmittag in die östlichen Dolomiten zum klettern. Das Tourenziel wurde erst im Laufe der Autofahrt endgültig beschlossen, wobei folgende Routen in die engere Auswahl kamen: Gelbe Kante an der kleinen Zinne; Constantini-Ghedina am 2. Pfeiler der Tofana und der 1. Südwandpfeiler – ebenfalls an der Tofana… Schlussendlich gewann letztere Route unser strenges Auswahlverfahren.
Am Samstagabend zeigten sich bei einem kleinen Lagerfeuer am Parkplatz der Cinque Torre – Seilbahn grobe Mängel in der Tourenplanung: Ich hatte nur eine Flasche Rotwein eingekauft, was sich noch in der gleichen Nacht durch schlechten Schlaf rächte.
Gestärkt durch ein kalorienarmes Tiramisù Frühstück fuhren wir um 7 Uhr Früh über die frisch asphaltierte(!) Straße hinauf zum Rifugio Dibona, wo wir feststellten, dass man selbst zu dieser gottlos-Frühen Morgenstunde als Spätaufsteher unter den italienischen Kletterern zählt. Meine Befürchtung, dass wir uns am Einstieg in die beliebte Route schon in eine lange Warteschlange einreihen müssen stellte sich aber zum Glück als falsch heraus. Nur eine kroatische Seilschaft mit der bezaubernden Natascha war schneller als wir.
Die Kletterei ist Genuss vom feinsten – nie zu schwer, immer gut mit Normalhaken bzw. eigenem Material abgesichert und alles in allem einfach eine schöne Linie! Natascha dürfte von der Route auch sehr begeistert gewesen sein, denn ihre Seillängen wurden immer kürzer, wahrscheinlich um den Genussfaktor zu erhöhen… Wir ließen uns aber dennoch nicht zu einem Überholmanöver hinreisen sondern genossen bei den zahlreichen Wartepausen das Panorama von Cortina bis zur Marmolada.
Lucky und ich cruisden in 5 Stunden Wechselführung durch die Wand, ehe wir über den imposanten Abstieg zurück zum Auto gingen. Bei einem Bierchen am Falzarego Pass rundeten wir einen komplett stressfreien Tag ab und planten schon unsere nächsten gemeinsamen Klettertrips – dann aber mit zwei Flaschen Wein!
Das Beste gleich vorweg: Endlich darf ich das blaue UIAGM-Wappen auf der Brust tragen! Nach insgesamt 2 Jahren Ausbildung in den verschiedensten Spielarten des Bergsteigens traf sich mein Jahrgang zu einem letzten, grandiosen Kurs in Chamonix – Aber jetzt der Reihe nach:
Um uns ein wenig für die hohen Berge der Mont-Blanc-Gruppe zu akklimatisieren fuhren Benni, Olli und ich schon 4 Tage vor dem eigentlichen Kursbeginn in die Westalpen. Das Ziel unserer Bergtour wählten wir erst auf den letzten Kilometern nach Zermatt und entschieden uns schließlich für die Überschreitung der Wellenkuppe (3903m) zum Obergabelhorn (4063m). Am Samstagnachmittag stiegen wir von Zermatt in Richtung Rothornhütte auf. Etwa auf halben Weg begann es wie aus Kübeln zu schütten und so kamen wir völlig durchnässt auf der Hütte an. Gottseidank gab es nur zwei weitere Gäste und so konnten wir unsere Ausrüstung in der Gaststube wenigstens einigermaßen trocknen…
Gegen 4 Uhr begannen wir dann mit dem Aufstieg auf die Wellenkuppe, welche Kletterei bis zum oberen 3. Schwierigkeitsgrad erfordert. Der erste Gipfel des Tages belohnt einen mit einer prächtigen Aussicht auf die Matterhorn Nordwand…die steht doch auch noch auf der to-do-Liste…
Eigentlich hatten wir damit spekuliert durch die elegante, ca. 300m lange Nordwand auf das Obergabelhorn zu steigen, doch leider lag noch viel zu viel Schnee in der Wand. Durch die hohen Temperaturen war die Gefahr von Nassschnee-Rutschern selbst auf 4000m zu groß. Also folgten wir weiterhin dem exponierten Gratverlauf und standen schließlich, nach einem interessanten Mix aus Schnee, Fels und Eis am Gipfel. Beim Abstieg zurück zur Wellenkuppe bestätigte sich unsere Befürchtung, denn die vorher schneebedeckte Nordwand war nun innerhalb kürzester Zeit durch viele kleine Lawinen blank geworden. Nach weiteren 2500 Höhenmetern Abstieg waren wir zurück im Touristen-überfluteten Zermatt.
Am nächsten Tag stand Erholung in Form von Schwimmen am Programm. Benni kannte durch seine fanatische Lektüre von Klettermagazinen eine wahre Perle und einen echten Geheimtipp: Das Schwimmbad im Zoo von Marecottes – hoch über Martigny. Hier kann man in einem traumhaft schönen Natur-Pool direkt neben dem Schwarzbär-Gehege seine Seele baumeln lassen!
Offizieller Kursbeginn war erst am Dienstag-Abend, deshalb fuhren wir vormittags von Chamonix hinauf auf die Aguille du Midi um einen der Felsklassiker auf der Südseite zu klettern. Mittlerweile waren wir zu viert, denn beim Bouldern am Col des Montets am Vorabend stieß Gerhard zu unserer Gruppe hinzu. Benni und ich ließen uns von der Warteschlange in der Rebuffat Route einschüchtern und kletterten deshalb die „Kohlmann“, allerdings mit alternativem Ausstieg. Der Granit in der Midi-Südwand ist ein Traum und durch ein weit verzweigtes System aus Rissen kann man mit genügend Freunden an der Materialschlaufe eigentlich überall klettern.
Der spannendste Moment des gesamten Kurses kam dann am Abend: Die Verkündung mit welchen Teilnehmern man zu welchem Ausbildner kommt. Meine Nerven lagen aufgrund schlechter Erfahrungen in der Vergangenheit blank, aber dieses Mal hätte ich es kaum besser treffen können: Ich kam mit Christian Bauer und Jan Beutel in die Gruppe von Karl Wieser. Noch am selben Abend begann die Tourenplanung für die nächsten beiden Tage: Mittwoch Petite Aguille Verte (3508m) und Abstieg zum Refuge d’Argentiere, gefolgt von einer Hammer-Tour am Donnerstag: Mont Dolent (3820) über die 300m Westwand und den Nordgrat mit Abstieg auf die italienische Seite.
MITTWOCH (7. Juli 2010)
Von der Bergstation der Aig. des Gds. Montets ist es eigentlich nur noch ein Katzensprung auf die Petite Verte, aber dennoch bietet der kurze Grat ein tolles Führungsgelände für Gehen am kurzen Seil. Über das Col des Gds. Montets stiegen wir anschließend ab auf den Argentiere Gletscher, welcher aus dem beeindruckenden Argentiere-Kessel fließt. Das Ref. d’Argentiere wurde vor wenigen Jahren komplett neu gebaut und übertrifft an Komfort sogar Hütten wie die Konkordia- oder die Finsteraarhornhütte. Der Wirt Fred begrüßte uns mit einer Runde Freibier und im Waschraum gibt es sogar fließend Warmwasser – unerwarteter Luxus in den französischen Westalpen!
DONNERSTAG (8.Juli 2010)
Um 3 Uhr führte uns Chris zwei Stunden lang zum Einstieg unserer Route: die Westwand, welche sich vom hintersten Argentiere-Kessel hinauf zum Col de l’Amone zieht. Die große Randkluft, welche wir in der Morgendämmerung hinter uns brachten war ein erster Vorgeschmack auf die zu erwartenden Schwierigkeiten unserer Tour. In wechselnder Felsqualität kletterten wir in etwa 3 Stunden durch die 300m hohe Wand, wobei die schwierigsten Längen den unteren 5. Grad erreichten. Es dauerte nicht lange da schlug auch das erste Mal mein Geologenherz höher, als etwa 150m rechts von uns ein beachtlicher Felssturz in die Tiefe donnerte. Kein Wunder dass der Permafrost immer weiter zurück schreitet, lag die Null-Grad-Grenze doch auf über 5000m!
Ab dem Col de l’Amone war ich an der Reihe die Führung zu übernehmen. Zuerst ging es am schönen, ausgesetzten Nordgrat entlang, der sich schließlich in einem messerscharfen Firngrat fortsetzte. Danach galt es eine ca. 100m lange, ca 60° steile Eisflanke zu überwinden, ehe man in einen wirklich katastrophal brüchigen-grob blöckigen Abschnitt gelangt. In diesen zwei Seillängen half nur noch eins: hoffen, dass es schon irgendwie hält und nichts wie durch! Die letzten 200m zum Gipfel waren dann vergleichsweise wieder reinste Genusskletterei…
Um 12:45 erreichten wir schließlich den Gipfel und machten Stand an einer Madonna-Statue, deren Kopf durch unzählige Blitzeinschläge stark in Mitleidenschaft gezogen wurde. Der Abstieg vorbei am Fiorio Bivak hinunter ins Val Ferret bot dann den knietiefen Schnee-Sumpf, welchen wir auf der Südseite erwartet, bzw. befürchtet hatten. Nach insgesamt ca. 12 Stunden waren wir wieder im Tal und gönnten uns ein Taxi durch den Mont Blanc Tunnel zurück nach Chamonx.
FREITAG (9. Juli 2010)
Am Freitag stiegen wir erst am Nachmittag vom Skiort Le Tour zum Ref. Albert Premier auf. Ziel für den nächsten Tag war die Aguille du Chardonnet (3824m).
SAMSTAG (10. Juli 2010)
Um 3 Uhr verließen wir die Hütte und überquerten in gerader Linie den Glacier du Tour in Richtung Chardonnet. Dieser direkte Zustieg ist nur möglich, wenn noch genügend Schnee am Gletscher liegt, aber in 1 bis 2 Wochen wird man wohl den ganzen Gletscherkessel ausgehen müssen. Es folgt ein ziemlich steiler Gletscher-Aufschwung zwischen Aig. Forbes und Punkt 3471 um auf den Gletscherrücken „La Bosse“ zu gelangen. Von hier ist es nicht mehr weit in eine markante Scharte des Forbes-Grats, der sich nach Westen zum Gipfel zieht.
Der Grat bietet zum Teil richtig schöne Kletterei, aber auch brüchigere und vereiste Passagen, speziell beim Umgehen von manchen Gendarmen. Alles in Allem aber auch wieder eine exzellente Führungstour für gehobene Ansprüche und auf jeden Fall weiter zu empfehlen!
Der Abstieg auf der West-Seite (= Normalweg) erfordert zwei unproblematische Abseiler, ehe man wieder auf den Gletscher gelangt.
SONNTAG (11. Juli 2010)
Am Sonntag stand alpines Sportklettern und Bergrettung am Programm, weshalb wir mit der Seilbahn auf den nördlich von Chamonix gelegenen Brevent fuhren. Der Blick von hier auf das Mont-Blanc-Massiv ist einfach unbeschreiblich und es wird wohl auch nirgendwo ein schöneres Ambiente für Bergrettungs-Übungen geben! Wir kletterten eine schöne Route im unteren 6. Grad an der Brevent-Ostwand, welche leider durch völlig unnötige Bohrhaken direkt neben den schönsten Rissen verunstaltet war.
MONTAG (12. Juli 2010)
Der Aiguille du Plan sind nördlich (Chamonix-Seite) mehrere kleinere Aguilles vorgelagert. Eine davon, nämlich die Aiguilles des Pelerins wollten wir über den SW-Grat besteigen. Von der Mittelstation der Midi-Seilbahn steigt man über den Glacier des Pelerins auf, bis man über 2er und 3er Gelände auf den Grat aufsitzen kann. Die Kletterei erfordert mindestens den oberen fünften Grad was uns mit den schweren Bergschuhen ordentlich zu schaffen machte. Wir verzichteten absichtlich auf unsere Kletterpatschen, was aber im Nachhinein eher als Fehler zu werten ist, da wir sonst deutlich schneller gewesen wären. Etwa 200 Meter unter dem Gipfel entschieden wir uns schließlich die Tour abzubrechen und seilten uns über die SO-Seite ab. Egal – Rückzug steht ja schließlich auch auf dem Lehrplan 🙂
DIENSTAG (13. Juli 2010)
Eigentlich hätten wir geplant am Nachmittag mit der Midi- und der Helbronner-Seilbahn zur Torino-Hütte zu fahren um am nächsten Tag über den Kuffner-Grat auf den Mont Maudit zu steigen, doch leider machte uns starker Wind einen Strich durch die Rechnung: Alle Seilbahnen blieben geschlossen. Wir machten das Beste aus dem Tag und gingen Sportklettern, bzw. Bergrettungstechniken üben.
Am Abend fand in Chamonix der Kletterwelcup statt, wo wir die Angy Eiter natürlich lautstark anfeuerten.
MITTWOCH (14. Juli 2010)
Der Wind ließ zum Glück wieder nach und so fuhren wir zeitig hinauf auf die Aiguille du Midi um einen echten Chamonix-Klassiker zu machen: den Midi-Plan Grat.
Der ausgesetzte Grat fordert führungstechnisch recht viel, durch einen ständigen Wechsel von Schneefeldern, Eis, Fels und einer Abseilstelle. Der Gipfel der Aiguille du Plan (3673) ist ein 3x3m große ebene Fläche und bietet ein einmaliges Panorama. Für mich war dieser Gipfel der schönste des ganzen Kurses!
Als Abstieg wählten wir die lange Variante: Über den unglaublich spaltigen Glacier d’Envers du Plan hinunter zum Refuge du Requin und dann weiter über das blanke Mer de Glace hinaus nach Montenvers. Am Mer de Glace gingen wir mehr oder weniger absichtlich in den spaltenzerfressendsten Bereich und übten uns im Spalten-Springen… Im Nachhinein betrachtet waren mehr als nur ein Sprung zu gewagt und übermutig, aber es machte uns einfach viel Spaß. Vom Gletscher hinauf nach Montenvers führen eine Vielzahl von endlosen Stahlleitern, welche man überwinden muss, bevor man sich in einen der Sitze der Zahnradbahn fallen lassen darf.
DONNERSTAG (15. Juli 2010)
Der erste Prüfungstag: Lehrauftritt am Col des Montets. Mein Thema: Treten und Steigen im alpinen Gelände mit Bergschuhen.
FREITAG (16. Juli 2010)
Zweiter Prüfungstag am Brevent: Orientierung, Bergrettung, Sportbiologie, Erste Hilfe, Alpine Gefahren.
Nach der Verkündung der Noten am Abend gab’s nur noch eines: Feiern!!! An dieser Stelle möchte ich mich nochmal ganz besonders beim Kursleiter Alex Giacomelli für die tolle Organisation bedanken: Alle erfolgreichen Teilnehmer erhielten sofort den Bergführer Ausweis und der Verband sowie die BSPA spendierten T-Shirts und ein paar Runden Bier bei einem geselligen Abschlussabend!
Der Abschlusskurs in Chamonix hat alle Erwartungen bei weitem Übertroffen! Der Hauptgrund war bestimmt das unglaublich schöne Wetter (auch wenn’s schon eher zu warm war), aber auch die tolle Gruppe und allen Voran unser Ausbildner Karl! Danke für die super Zeit!
Hier die besten (50) Fotos als Diashow:
Was soll man über diese Route schreiben? Bietet sie schöne Kletterei? Macht es Spaß sie zu klettern? Würde ich nochmal einsteigen? Alle diese Fragen kann ich mit einem klaren „nein“ beantworten – und trotzdem: die Via Vertigine bietet ein wohl einzigartiges Klettererlebnis und deshalb kann ich sie nur weiterempfehlen!
Wer kennt sie nicht, die Sonnenplatten im Sarcatal. Unweigerlich wandern aber die Blicke auch höher hinauf in das sogenannte „Gelbe Universum“ – einer 600m hohen und 120m(!) überhängenden Festung aus brüchigem Fels. Bis vor kurzem glaubte keiner daran, dass man diese Wand auch in freier Kletterei überwinden kann – bis David Lama und Jorg Verhoeven vor zwei Wochen das Gegenteil bewiesen. Da sich aber weder Gerhard noch ich im Schwierigkeitsgrad 8b wohl fühlen entschieden wir uns bei der Tourenplanung für eine der drei technischen Routen in der Wand und zwar für die Via Vertigine.
Unser Plan für das Wochenende sah im Grunde ganz einfach aus: Am Samstagvormittag nach Arco fahren, Räder für den Abstieg deponieren und noch ein paar Ausrüstungsgegenstände (z.B. Clipstick) kaufen, am Nachmittag den 400m langen Vorbau klettern, am Sonntag durch die Dächerzone und mit den Fahrrädern retour nach Arco, um am Montag ganz normal arbeiten zu gehen… Es sollte dann doch ein bisschen anders kommen:
Als wir die vielen, in der sengenden Mittagshitze schwitzenden, Biker auf der Straße hinauf nach San Giovanni überholten, überkamen uns doch gewisse Zweifel, ob Juni die richtige Jahreszeit für unsere Tour ist. Aus Gewichtsgründen können wir ja nicht allzu viel Wasser mitnehmen und der Wetterbericht meldete Temperaturen von 30 Grad oder mehr… Unsere Euphorie war aber stärker als der Zweifel und so versteckten wir neben unseren Rädern auch noch ein paar Flaschen Wasser im Gebüsch.
Wieder zurück in Arco mussten wir dann feststellen, dass alle Sportgeschäfte eine ausgiebige Mittagspause machen und so verzichteten wir gezwungenermaßen auf einen Clipstick – „wird schon auch ohne gehen…“.
Am Parkplatz der Sonnenplatten fand dann die obligatorische Material-Sortiererei statt und da wir beide vergessen hatten eine kleine Tube einzupacken wurde die Sonnencreme kurzerhand in Überraschungseier umgefüllt – ein nahezu genialer Gerhard’scher Geistesblitz! Für den Zustieg zur Wand benötigten wir etwa eine Stunde und verschwitzten schätzungsweise die gleiche Menge Flüssigkeit, die wir eingepackt hatten.
Um 17 Uhr ging es dann endgültig los: Die 13 Seillängen des 400m langen „Vorbaus“ bieten eine Mischung aus kurzer, steiler und meist brüchiger Wandkletterei mit langen, leichteren Reibungspassagen. Die Absicherung mit 10mm Bohrhaken ist ausreichend, auch wenn in den leichten Längen die Abstände schon mal mehr als 15m sein können. Gerhard und ich kamen in Wechselführung sehr flott voran und drei Stunden später waren wir schon am Bäumchen, wo die Tour dann erst so richtig losgehen sollte.
Wir fanden uns schon mit dem Schicksal eines unbequemen Sitz-Biwaks ab, ehe wir dann doch beschlossen über ein Felsband etwa 80m nach Norden zu einem kleinen Wald zu queren. Dort fanden wir eine kleine Felsnische die uns eine recht angenehme Nachtruhe versprach. Immer wieder zuckten wir erschrocken zusammen, wenn ein BASE-Jumper mit Wingsuit über uns mit der Geräuschkulisse eines kleinen Kampfjets hinwegrauschte. Zwei Fragen gingen uns beide vor dem Einschlafen durch den Kopf: Was würde uns morgen erwarten? Und warum zum Teufel hatten wir kein Bier für heute Abend mitgenommen!?
Nach einer viel zu warmen Nacht waren wir um 5:30 Uhr zurück beim Bäumchen, wo ein Statikseil hinauf zum ersten Standplatz fixiert ist. Ich montierte meinen Ropeman und einen Tibloc daran und begann mit dem mühsamen Aufstieg. Auf halber Höhe war das Seil jedoch so dick und ausgefranst, dass beide Klemmgeräte an ihre Grenzen stießen und ich kletterte fortan an den Haken weiter. So ein Kickstart am frühen Morgen kostet extrem viel Kraft und lässt einen wiedermal an seiner Kondition zweifeln.
Die Route ist komplett mit 6mm Express-Anker und Ringmuttern aus dem Baumarkt ausgestattet. Das Gute an den Ringmuttern ist, dass sie einen äußerst massiven Eindruck machen und meistens den Rost der furchterregend dünnen Bolts, an denen sie montiert sind, verdecken. Schlechter ist, dass man nur einen Karabiner in der Öse Platz hat. Die Standplätze sind ALLE zusätzlich mit meist zwei 10mm Express-Anker ausgestattet.
Ab der vierten Seillänge geht es dann richtig zur Sache. Man durchquert elegant die erste große Dächerzone ehe man im Laufe der 6. Seillänge wieder „flacheres“ Terrain erreicht. Hier klettert man die halbe Länge an Normalhaken, die aber trotz ihres Alters noch recht stabil sind. Außerdem quert hier die Freikletterroute von David und Jorg die Vertigine, was an den unzähligen Tickmarks ersichtlich war. Unterhalb des großen Dachs hängt auch noch ihr Portaledge, das mit Statikseilen bis zum Ausstieg verbunden ist. Die Vertigine verläuft aber weiter links und in der 9. Seillänge wird es am ca. 7 Meter horizontal ausladenden Dach das erste Mal so richtig luftig .
Viel Zeit gekostet hat uns die 11. Seillänge, welche von einer alten Stahlseiltrommel, an der ich nicht einmal ein Bild aufhängen möchte, nach links quert. Hier sind besonders viele der Zwischensicherungen ausgebrochen und wer gerade – so wie ich – keine Kletterschuhe an den Füßen trägt ist froh, wenn er ein paar Cliffhanger/Hooks am Gurt hängen hat. Nach drei prickelnden Hook-Zügen (Zitat Pete Zabrok: “Hooking is scary but great fun“) hoffte ich dann das gröbste hinter mir zu haben… Weit gefehlt: Etwa drei Meter vor dem Stand sind wieder ein oder zwei Haken ausgebrochen und der extrem brüchige Fels lässt definitiv kein Hooken oder Normalhaken-Schlagen zu. Wo war nochmal unser Clipstick? Aja – wir haben keinen! Also dann: Handbohrer marsch! Danke Lucky für deinen genialen Eigenbau-Handbohrer! Nach etwa 20 Minuten hatte ich dann endlich ein ca 2cm tiefes, 6mm breites Loch in den Fels gehämmert. Express-Anker hinein, Mutter leicht anziehen, Rivet Hanger drauf und Stoßgebet dass es hält! Ein paar Minuten später endlich der laute, erleichterte Ruf: „STAAAAND!“
Die folgenden zwei Längen sind kein Problem und dann kommt der krönende Abschluss mit der Länge 14. Sie beginnt recht harmlos, also nur leicht überhängend, ehe man sich dann über einen gewaltigen Überhang hinauf kämpft. An der Dachkante hat man wirklich die gesamte Höhe der Route unter dem Allerwertesten und man kann vor Freude nur noch jubeln, wenn man erkennt, dass einen nur noch etwa 20 Meter im fünften Grad vom Ausstieg trennen.
Um 22 Uhr stehen Gerhard und ich am Exit Point der BASE Jumper. 16,5 Stunden Klettern ohne wirkliche Pause sind hinter uns und wir sind beide halb verdurstet, also nichts wie hinunter zu den Rädern. „Hinunter“ bedeutet bei diesem Abstieg leider für eine lange Zeit „bergauf“, denn wir wanderten in der Dunkelheit bis zum Gipfelkreuz des Monte Brento und erst von dort stiegen wir mit einer recht riskanten Querfeldein-Aktion ostwärts nach San Giovanni ab. Um Mitternacht waren wir dann endlich bei unseren Wasserreserven und entschieden uns hier zu übernachten und erst morgen die Heimreise anzutreten.
Wie schon anfangs erwähnt: Im Grunde ist die Route weder für Freikletterer noch für echte Techno-Freaks besonders schön, da man ja selber eigentlich nicht viel Eigenkönnen mitbringen muss wenn schon alle Zwischensicherungen da sind, aber die enorme Ausgesetztheit und das Ambiente machen die Via Vertigine trotzdem zu einem großen Erlebnis! Mein großer Respekt gilt meinem Partner Gerhard, der sich mit dieser Route nicht gerade die leichteste Gelegenheit gesucht hat das erste Mal überhaupt mit Leiter zu klettern! Ob ich in ihm aber die Begeisterung für lange Techno-Touren geweckt habe bleibt allerdings fraglich 😉
Hier alle Bilder der Tour zum durchklicken:
Hier noch ein paar nützliche Informationen für Wiederholer:
Das Topo von D. Filippi ist sehr gut und alle Standplätze sind richtig eingezeichnet. Die ersten 40m kann man recht einfach seilfrei über eine Rampe bis zum deutlich von unten sichtbaren, ersten Standplatz klettern. Die 3. Seillänge ist mit VI+ bewertet, das sollte aber wahrscheinlich eher IV+ heißen. Die ebenfalls mit VI+ bewertete 7. Seillänge ist extrem brüchig, kann aber fast A0 an perfekten 10mm Bohrhaken geklettert werden.
Etwa 30 Meter unterhalb des Bäumchens wo die technische Kletterei startet kann man über ein 2m breites Band recht bequem nach Norden zu dem kleinen Wald queren. Hier gibt es unterhalb einer Felsnase einen perfekten Biwakplatz mit einem neuen Bohrhaken.
Die technische Kletterei selbst ist meist ziemlich unproblematisch, wobei die Abstände stark variieren. Manchmal muss man schon ganz nett hoch in seiner Leiter steigen, um den nächsten Haken zu klicken. Es sind immer wieder Haken ausgebrochen, doch dann hängt meistens eine Reepschnur vom nächsten herunter.
Man kann die ganze Route auch in festen Schuhen gehen, aber immer wieder gibt es ein paar Freikletterzüge wo man Zeit sparen kann.
An allen Standplätzen kann man zumindest ein bisschen auf kleinen Leisten und Absätzen stehen. Am Stand nach der 11. Länge des oberen Teils könnte man einigermaßen bequem sitzen oder sogar liegen.
Unser Material:
- 2,5 Liter Wasser (Sehr kleiner Camelback-Rucksack ist extrem nützlich!)
- Minimal-Biwak-Ausrüstung
- 2 x 50m Halbseile
- 30 Express (dicke, damit man sie gut angreifen kann) Manche Längen sind extrem lang, und ich hätte wahrscheinlich 40 oder mehr Express gebraucht, wenn ich alle Zwischensicherungen eingehängt hätte!
- 1 x Frog (Sehr praktisch weil ein paar Bolts zu weit in die Öse stehen und deshalb kein Karabiner platz hat!)
- 2 x Leiter pro Person (Wir hatten die BigWall Aiders von Yates – ein wahrer Luxus!)
- Handschuhe!!!
- 1 x Steigklemme für den Nachsteiger (selten verwendet)
- 1 x Ropeman + Tibloc
- 2 x Hook / Cliffhanger
- 5 x Rivet Hanger (Vor Allem in der 11. Seillänge praktisch!)
- 1 x Hammer
- 1 x Handbohrset + Bolts (Würde niemals ohne einsteigen!)
- Normalhaken (Nicht gebraucht könnten aber weiterhelfen)
- KEINE FRIENDS ODER STOPPER!!! Kann man getrost daheim lassen!
- Zu empfehlen: Clipstick!!!