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Granitklettern – das war die Devise für unseren Kurzurlaub in der Schweiz und in Chamonix. Google informierte uns über einen tollen Klettergarten im Mattertal: „Medji“ bei St. Niklaus. Dort soll es super Risse im senkrechten Granit geben und die Methode der Absicherung bleibt einem selbst überlassen – wer auf Trad steht legt Friends, alle anderen können jederzeit Bohrhaken einhängen.
Schon nach der ersten Route war klar: der Führer hatte nicht übertrieben! Hier kann sich jeder in seinem Schwierigkeitsgrad austoben und die eigenen Absicherungskünste mit Friends ideal schulen. Wenn die Wohlfühlgrenze dann doch überschritten wird ist immer irgendwo auch ein Bohrhaken in der Nähe – außer Alex Honnold setzt seinen Eintrag im Wandbuch in die Tat um: „Next time I’ll chop all the bolts.“
Tipps:
- Topo gibt’s vor Ort.
- Viele Friends mitnehmen – manche Größen sollte man doppelt haben.
- Wir sind mit 60 m Halbseilen geklettert weil die Routen sehr lang (bis zu 50 m) sind.
- Unbedingt den Ortskern von St. Niklaus ansehen.
Nachdem Lukas und ich am Vortag in der Via del Calice eines unserer Halbseile fast genau mittig zerstört hatten war der Aktionsradius im vertikalen Gelände aufgrund fehlender Ersatzseile stark eingeschränkt. Dazu kam noch, dass wir am Zeltplatz in Armentarola wegen des großen Andrangs keine Pizza mehr ergatterten und uns so ausschließlich von ein paar Landjägern ernährten…
Eine glückliche Fügung ergab sich dadurch, dass meine Eltern die Route Re Artu für den kommenden Tag geplant hatten. Schnell war vereinbart, dass sie uns Ersatzseile mitbringen würden und wir uns einen schönen Tag in der prallen Südwand des Monte Formin machen würden.
Die Route ist gut mit Bohrhaken abgesichert, wer will kann aber auch noch ein paar zusätzliche Friends legen. Die Routenführung und die Felsqualität sind wirklich vom Allerfeinsten! Aufgrund des regen Verkehrsaufkommens in dieser und der Nachbarroute dauerte alles ein wenig länger, aber bei einem Familienausflug im strahlenden Sonnenschein macht das wenig. Nur beim Abstieg entschieden wir uns dann für die längere zu-Fuß-Variante weil wir uns den zu erwartende Steinschlag in der Rinne des Schnellabstiegs ersparen wollten.
Dank eines endlosen Staus im Pustertal fiel dann leider auch die heutige Pizza aus und nachdem Lukas und ich unsere Landjäger-Vorräte nun endgültig erschöpft hatten war die Stimmung während der Heimfahrt, trotz zweier toller Routen, irgendwie im Keller.
Dass sich eine Wetterlage mit Nordföhn in den Dolomiten mit eiskalten Fingern bemerkbar macht war Lukas und mir eigentlich schon vor dieser Route bekannt. Wenn man sich dann aber noch eine Route aussucht die auf einen 3.081 m hohen Gipfel führt ist man wirklich selber Schuld wenn man von der ersten bis zur letzten Seillänge zu kalt hat. Da bringt auch keine Südwand was.
Aus Angst wiedermal nicht die Pole-Position in einer bekannten Kletterroute zu ergattern stiegen wir schon sehr früh in die Route ein. Am Parkplatz zeugten vereiste Fensterscheiben jedenfalls davon, dass der Thermometer in meinem Auto mit +1 C ° nicht tiefstapelte. Mit komplett klammen Fingern wird eine VI+ Länge gleich nochmal knackiger, aber immerhin konnten Lukas und ich uns mit ein paar Seillängen Vorsprung auf die nächsten Seilschaften höher arbeiten.
Echte Highlights der Tour sind Seillängen 8, 9 und 12 (lt. Rotem Lobo-Führer). Teilweise erschreckend steile Wandstufen lassen sich hier doch immer ganz gut frei klettern und auch die Absicherung mit Normalhaken und Friends ist meist Nerven beruhigend. Ich konnte mich am Gipfel schließlich über eine Onsight Begehung freuen.
Nachdem wir irgendwann wirklich alles an mitgenommener Kleidung am Leib trugen ging’s an den Abstieg. Dies war dann vielleicht das wahre Highlight der Tour, denn wie die Fotos verraten kam hier echtes Mixed-Kletterfeeling auf. Viel mehr Eis hatte ich den ganzen Winter über auch nicht gesehen.
Der Abstieg ist prinzipiell ganz gut im Führer beschrieben und es gibt auch genug Steinmännchen. An einer Stelle ließen wir uns aber doch zu früh in eine immer steiler werdende Rinne abdrängen in der es Bohrhaken-Stände gibt. Kurz oberhalb des letzten Standes, bevor die Rinne ins Vertikale abfällt, kann man aber nochmal recht unproblematisch orografisch rechts hinausqueren und gelangt wieder auf den richtigen Weg. Die Bohrhakenstände gehören tatsächlich zu einer Mixed-Route – die Benützung als Abseilpiste im Sommer ist aber wegen dem Eisschlag bzw. der zu erwartenden Dusche nicht empfehlenswert!
Die letzten 40 m hinunter in die Zahnscharte muss man dann nochmal sehr steil und brüchig abseilen. Leider schlug mir beim Abziehen ein Stein ein riesen Loch in das neue Halbseil. Der Abstieg von der Zahnscharte hinunter ist richtig grausig: eine ausgewaschene Schotterrinne mit teilweise großen losen Blöcken und allem was sonst noch wenig Spaß macht.
Resümee: Steile, stellenweise sehr schwierige Route die einen soliden 6er voraussetzt. Deutlich länger und zeitintensiver als man vielleicht glaubt – und im Dunkeln hätte man spätestens beim Abstieg sicher Probleme.